After Work

19. September 2023 | 0 Kommentare

I
Mit dem Ende des Arbeitslebens fallen berufliches Pflichtenkorsett und berufliche Verantwortung weg. Das klingt für die meisten zunächst einmal gut. Bei aller Freude über die gewonnene Freiheit gilt aber auch: Wer sein Berufsleben hinter sich lässt, verliert damit sein fachliches Betätigungsfeld, und nicht nur dieses. Menschen after work lassen häufig langjährig gewachsene Kommunikationsnetze hinter sich. Wer jetzt nicht auf gut ausgebaute private Interessen und auf Freunde jenseits der Arbeitswelt zurückgreifen kann, findet sich manchmal ziemlich einsam wieder.

Daneben stellt die Arbeit für viele einen wichtigen Faktor der sozialen Wertschöpfung dar. Berufstätigkeit verleiht Selbstwert und Bestätigung, jedenfalls bei vielen in der Generation, die jetzt aus dem Berufsleben ausscheidet. Damit bricht für viele ein Stück Lebenskontinuität, Lebensinhalt und Lebenssinn weg. Diese Lücken wollen gefüllt sein.

Kein Wunder, dass der Abschied vom Berufsleben häufig eine tiefe Zäsur darstellt. Das Leben ist dann allerdings im Durchschnitt noch lange nicht vorbei. Bei einer Lebenserwartung in Deutschland von etwa 83 Jahren für Frauen und 78 Jahren für Männer bleiben nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben immer noch rund 15 bis 20 Jahre zu leben, bei einigen sogar noch deutlich mehr. Auch wenn die Änderungsgeschwindigkeit des Lebens in vorgerückten Jahren eher abnimmt, kann im Alter immer noch eine Menge passieren.

Das Thema betrifft so viele wie nie zuvor. In der Generation der Babyboomer stehen jetzt riesige Jahrgänge an, die in Rente gehen und die mit ihrem Freizeitmodus, alleine schon wegen ihrer schieren Masse, die gesamte Gesellschaft prägen werden. „Wir waren immer viele“ gilt auch im Alter. Alle wollen jetzt ihren Platz in der Nacharbeitswelt finden. In vielen Fußgängerzonen wird das bereits sichtbar. Auch attraktive Fahrradwege füllen sich immer mehr mit entschlossenen und sicher behelmten Älteren auf ihren E-Bikes.

Manche lassen den neuen Lebensabschnitt erst einmal ruhig angehen und einfach auf sich zukommen. Andere haben ausgefeilte Pläne für den Tag X in der Schublade. Vorher schwer beschäftigt und nachgefragt, findet man sich jetzt, finanziell mehr oder weniger gut abgesichert, in der Position einfach mal zu Hause. Das heißt auch, dass man es jetzt viel mehr mit sich selbst zu tun bekommt – mehr Platz für mich. Das kann durchaus zwiespältig sein. Einige müssen sich jenseits ihres gut eingespielten beruflichen Funktionsmodus tatsächlich erst einmal wieder selbst kennen lernen. Dazu gehört auch, auf sich und die eigenen Gefühle zu hören.

Manche versuchen den Wechsel abzufedern, indem sie den Übergang gleitend gestalten. Sie arbeiten noch ein paar Jahre mit reduziertem Zeitansatz. Bei anderen geht es abrupt von Hundert auf null. Das ist zwar nicht immer gesund, kann aber als schlagartige Befreiung erlebt werden, ungefähr wie früher am ersten Tag der Sommerferien, mit dem Unterschied, dass die Ferien jetzt gar nicht mehr aufhören. Willkommen in der Welt der Vollzeitfreizeiter.


Andauernder Freizeitspaß ist allerdings schwierig zu organisieren, und noch schwieriger dauerhaft zu ertragen. Irgendwann merken alle, dass das Glück der Ferien vom Kontrast zur Pflicht lebte. Wo die Ferien zur Normalität werden, stellen sich bald ganz andere Fragen an das eigene Leben, zum Beispiel die nach den eigenen Zielen in der noch verbleibenden Restlaufzeit. Die kann zwar noch sehr lange dauern und deren Ende kennt keiner, aber deren Endlichkeit ist gesetzt und rückt mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben deutlicher ins Blickfeld. Die zeitliche Fernsicht ist dabei nicht erfreulich. Ob man es sich nun eingesteht oder nicht: Mit dem Ende des Berufslebens wird die letzte ganz große Lebensphase eingeläutet. Dazu gehören auch kontinuierlich abnehmende Gesundheit, schwindende Fähigkeiten und zunehmender Verfall. Danach kommt nicht mehr viel in diesem Leben, und irgendwann gar nichts mehr.


Das Glücksversprechen von Freiheit und Abenteuer after work zeigt allerdings oft schon sehr viel früher erste Risse. Es braucht seine Zeit, sich in die neue Rolle hineinzufinden. Viele stellen fest: Weitgehend frei zu sein von beruflichen Verantwortlichkeiten und Pflichten hat seinen Preis. Man hat zwar viel mehr Zeit, die will aber auch gefüllt sein. Viele haben weniger Kommunikation, die man jetzt meistens selbst organisieren muss. Berufliche Anerkennung entfällt, die gibt es höchstens noch im Rückspiegel. Und wer von Altersarmut betroffen ist, in Deutschland sind das immerhin ungefähr 18 Prozent aller Seniorinnen und Senioren, hat ohnehin noch ganz andere Probleme.


Die neue Lebenssituation kann jedenfalls ordentlich aufs Selbstbewusstsein drücken, vor allem dann, wenn man vorher etwas zu sagen hatte. Gestern Leistungsträger, heute Hosenträger. Wo bleiben da Selbstwirksamkeit und eigene Resonanzerfahrungen? Spätestens dann, wenn lange geplante Reisen
durchgeführt, wenn die Wohnung und der Garten in Schuss gebracht und wenn alle liegengebliebenen
Arbeiten abgeschlossen sind, klingt die Euphorie des Neuanfangs ab und es beginnt ein neuer Alltag.
Festgefügte Routinen und Rollenbilder werden überprüft und angepasst. Das gilt besonders für Ehepaare und andere Gemeinschaften. Neue Arbeitsteilungen und die Balance zwischen dem individuellen Ich und dem gemeinsamen Wir müssen häufig neu ausgemittelt werden. Dieser Prozess der internen Neuaufstellung kann mitunter ziemlich viel Reibungshitze freisetzen und bietet reichlich Stoff für Beziehungskomödien – und manchmal auch Tragödien.


Manche gehen in ihren neuen Rollen als Hausmann oder Hausfrau, Heimwerker oder Vereinsmitglied auf, pflegen ausgiebig ihren Körper, treiben Sport, reisen viel, genießen die Natur oder finden neue Aufgaben in ihren Familien. Versäumtes und Erträumtes nachzuholen ist dabei generell ein wichtiges Motiv. „Ich wollte schon immer einmal …“ Oft hört man auch den Satz: „Endlich habe ich die Zeit für die Enkel, die ich für meine eigenen Kinder nie hatte.“ Einige wagen sogar einen radikalen Neuanfang und versuchen, einen nie gelebten persönlichen Traum endlich Wirklichkeit werden zu lassen.


Aber selbst dann, wenn der Lebensrahmen gesundheitlich, finanziell und beziehungstechnisch
gesichert ist, bietet der Übergang in den Ruhestand nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Schwer fassbar ist mitunter eine latente Leere nach dem Berufsleben. Der zeitliche Fernblick macht die Sache nicht besser. Die Frage drängt sich auf: Was tun mit der eigenen Restlaufzeit? Und wie kann die letzte Lebensphase gelingen?


Hier geht es nicht um konkrete Empfehlungen für die optimale Freizeitgestaltung nach dem Berufsleben. Es geht auch nicht um die larmoyante Selbstbespiegelung einer abtretenden Generation, die am liebsten nur noch in den Rückspiegel schaut, sondern um den Versuch einer Orientierung am Ende des Arbeitslebens, mit Blick Richtung Zukunft: Wie kann die letzte große Phase meines Lebens gelingen?


Dieser Essay wird von der Überzeugung getragen, dass die Qualität der eigenen Lebenszeit sich nicht in erster Linie aus der Aneinanderreihung möglichst vieler Freizeitaktivitäten und Events aufbaut, sondern dass sie maßgeblich durch die eigene innere Haltung bestimmt wird. Selbstverständlich braucht es daneben auch noch andere Ressourcen, insbesondere ausreichende finanzielle Mittel und ein gewisses Maß an Gesundheit. Aber bei aller noch so großen Anstrengung bleibt Gesundheit ein brüchiges Gut, und mit zunehmenden Jahresringen nimmt sie ohnehin ab. Die Verluste an Vitalität und Gesundheit wollen verkraftet sein. Spätestens dann kommt es auf die innere Haltung an.


Bei aller Unterschiedlichkeit der Menschen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im vollen Bewusstsein der eigenen Subjektivität, werden hier ein paar Elemente für eine gute Haltung after work vorgeschlagen.

II.
Das erste Element könnte ein Selbsteingeständnis sein. Der eigene Bedeutungsverlust nach dem Berufsleben will akzeptiert sein. Bei allen persönlichen Unterschieden haben sich die jetzt aus der Arbeitswelt abtretenden Babyboomer stark über Beruf, Erwerbsarbeit und Leistung definiert, Männer wahrscheinlich noch mehr als Frauen. Dabei setzt das Gefühl des persönlichen Bedeutungsverlustes keineswegs eine herausragende berufliche Position voraus, sondern es findet selbst in ganz normalen Berufsrollen statt, jedenfalls wenn man zwar nicht immer, aber eben auch gerne gearbeitet hat. Es genügt völlig, dass einen niemand mehr um Rat fragt oder anspricht. Hier kann die Selbsterziehung ansetzen, für die man jetzt mehr Zeit und Muße hat. Es ist nicht wichtig, dass ich nicht mehr so wichtig bin. Dafür muss man sich erst einmal von der tief verwurzelten Gier nach Anerkennung und Bedeutungszuschreibung durch andere verabschieden.


Weil aber keiner ganz ohne Anerkennung leben kann, gilt es andere Wege zu finden. Das ist eine Herausforderung, vor allem wenn man selbst wenig Kompetenzen jenseits des Berufslebens einzubringen hat. Hart trifft es vor allem diejenigen, die zu Einhundertprozent für ihre Arbeit gelebt, weder rechts noch links geschaut haben und auch nichts anderes können. „Ich kann nur Arbeit“ ist eine traurige Selbsterkenntnis. Da hilft nur ein radikaler Neustart, was mit zunehmenden Jahresringen nicht eben leichter fällt.

Wo etwas wegfällt, fängt meistens etwas Neues an. Man muss es nur erkennen. Wenn die alten festgefügten Bahnen des Berufslebens enden, gewinne ich auch neue Entscheidungsspielräume. Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Welche Bereiche habe ich in den letzten Jahren und Jahrzehnten vernachlässigt? Was möchte ich in Zukunft ändern? Der Ausstieg aus der Arbeitswelt bietet die großartige Chance zur Selbstkorrektur, manchmal auch zu einer persönlichen Neuorientierung. Auch wenn wir älter geworden sind, kann sich das wie ein Aufbruch und manchmal vielleicht sogar wie eine zweite Jugend anfühlen. In der Jugend haben sich viele ganz selbstverständlich gefragt, wer sie eigentlich sind und was ihrem Leben Orientierung und Sinn verleiht. Diese Fragen mit der satten Lebenserfahrung des älteren Menschen noch einmal zu stellen und neu zu beantworten, dabei vielleicht andere Prioritäten als bisher zu setzen, ist eine große Chance. In die Quere kommen können uns dabei seelische Erstarrung oder persönlicher Übereifer.


Das nächste Element könnte deswegen in der Einsicht bestehen: Ich muss kein Profi mehr sein. Es ist nicht nötig, perfekt zu sein um gut zu leben. Selbstwirksamkeit ist wichtiger als Vollkommenheit. Man kann viele Dinge tun oder erlernen, auch wenn man kein Meister darin ist. Lernbereitschaft, Entdeckergeist und Experimentierlust halten lebendig.


Wer dagegen meint, er müsse erst Vollkommenheit erlangen, um endlich loslegen zu können, sitzt schon in der Perfektionismusfalle. Zum Neubeginn gehört der Mut des Anfängers. Einfach mal etwas ausprobieren, auch wenn man nicht besonders gut darin ist. Tatsächlich kann man viele Dinge auf einem einfachen Niveau erledigen und sich darin wiederfinden. Die grundpositive Figur des fröhlichen Dilettanten wird vollkommen unterschätzt. Man muss kein Meister sein, um das Leben zu lieben. Und meistens ist es leichter, Gleichgesinnte auf einfachem Level zu finden als auf einem Top-Niveau. Etwas mit anderen gemeinsam zu tun wirkt lebensverlängernd. Einsame Menschen sterben nachweislich früher.


Darum wäre ein weiteres Element offen zu bleiben, für andere Menschen und für die Dinge des Lebens. Das heißt auch: Ich könnte ja mal was für andere tun. Selbstwirksamkeit, die sich nur auf die eigene Person bezieht, macht auf Dauer kaum reicher. Wer es schafft, von sich selbst hin und wieder abzusehen, hat mehr vom Leben. Viele klagen darüber, dass sie zu wenig wahrgenommen werden und dass sich niemand für sie interessiert. Wer allerdings nur darauf wartet, dass andere ihn erhören und etwas für ihn tun, wird oft enttäuscht und im ungünstigsten Fall bitter und gallig. Mit solchen Leuten will natürlich erst recht niemand etwas zu tun haben, und so erfüllt sich wie von wundersamer Hand die eigene düstere Prophezeiung.


Man kann auch eine Gegenhaltung einnehmen, den Blick stärker auf andere richten und selbst aktiv werden. Das beginnt bei der Kommunikation, besonders beim Fragen und Zuhören. Es gibt viele praktische Betätigungsfelder. Manchmal findet man sie bei Personen im unmittelbaren eigenen Umfeld. Viele Vereine und Organisationen mit allen möglichen Zielen freuen sich, wenn man sie aktiv unterstützt. Zahlreiche Städte und Gemeinden suchen ehrenamtliche Helfer. Und wer selbst die Initiative ergreift, kann neue Kreise ins Leben rufen und Gemeinsamkeiten schaffen. Dabei müssen es nicht immer die großen Dinge sein, die dem eigenen Leben Inhalt und Richtung verleihen.


Schließlich kann man sich gezielt mit anderen zusammentun und gegenseitig Verantwortung füreinander übernehmen, gerade in den ganz praktischen und alltäglichen Dingen des Lebens. Es gibt viele Möglichkeiten um sich zu unterstützen. Das beginnt bei gemeinsamen Aktivitäten oder beim täglichen Telefonrundruf, geht weiter über Versorgungsleistungen und häusliche Arbeiten und endet bei der Alten-WG. An einem rechtlichen Rahmen für Verantwortungsgemeinschaften wird gerade gearbeitet.


Bei alledem geht es um erlebte Verbundenheit, mit anderen Menschen, mit Dingen und Themen, mit Musik und Kultur, mit der Natur und vielleicht auch mit dem „Großen Ganzen“. Verbundenheit meint das Gegenteil von Befremden und Entfremdung. Auch wenn sich durch die beste innere Haltung nicht alles Befremden ausschalten lässt, zielt die Idee der Verbundenheit viel weiter als die Vorstellung vom aktiven Alter, wie wir sie aus der Werbung in der Apothekenzeitschrift kennen. Wer es versteht, seinen Interessenradius weit zu halten und am besten noch auszuweiten, kann viel Verbundenheit und Resonanz erleben und wird nicht einsam.


Ein weiteres Element wäre es, offen zu bleiben für die Fragen der Jüngeren, auch wenn das mitunter gerade in unseren Tagen nerven kann. Die Generation der Älteren steht derzeit stark in der Kritik. Verkürzt werfen die Jüngeren den Älteren vor, auf Kosten anderer selbst gut gelebt zu haben und jetzt den Nachkommenden eine vielfältig beschädigte Welt zu hinterlassen. Klimawandel und Staatsverschuldung sind da nur zwei von vielen Stichwörtern. Manche Jüngere sehen die Älteren als eine Generation rücksichtsloser Selbstverwirklicher und Egoisten. Die Leistungsbereitschaft der Alten wird heute von vielen Jüngeren kritisiert. Dabei geht es nicht nur um die richtige Work-Life-Balance, sondern um den Stellenwert der Erwerbsarbeit im eigenen Leben überhaupt.


Es mag zwar angenehm sein, jegliche Störung von außen abzuwehren und sich bequem in der eigenen
Generationsblase einzurichten. Am wirklichen Leben nimmt man so aber nicht mehr teil. Andererseits muss man die Kritik von manchen Jüngeren keineswegs teilen und sich den Schuh des Altersegoismus nicht anziehen. Dennoch kann ein selbstkritischer Blick für mehr Verständnis für sich und für andere beitragen, um das Gespräch zwischen den Generationen nicht zum Erliegen zu bringen. Mit neuen Gräben zwischen den Generationen ist niemandem gedient. Auch Ältere können einen Beitrag leisten, damit genau dies nicht passiert.


Was sehen die Menschen after work, wenn sie sich und ihre Lebensleistung im Spiegel betrachten? Wahrscheinlich genau dies: Nicht alles war richtig, aber auch nicht alles war falsch. Und heute sind viele Babyboomer gut ausgebildet, haben noch eine ganze Menge an Lebensenergie und können sich in vielfältiger Weise einbringen. Auch das bietet viele Chancen. Zu Hause zu sitzen und still auf das Ende zu warten ist ganz gewiss keine passende Lebenshaltung.


Ein weiteres Element greift das Thema Gelassenheit auf. Gelassenheit entsteht selten von selbst, schon gar nicht alleine durch Zeitablauf. Gerade Menschen jenseits des Berufslebens können besonders zeitgeizig und ungeduldig auftreten, einige sogar unverschämt, kann man manchmal im Stau an der Kasse im Supermarkt beobachten. Gelassen sein wollen und gelassen sein sind zwei Dinge. Helfen könnte da ein Perspektivwechsel: „Life is ambivalent. “ Wer erkennt, dass die Menschen und die Dinge häufig nicht so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, befindet sich auf gutem Wege. Wer die Dinge mit ein bisschen Abstand betrachtet, wird häufig feststellen, dass Menschen und Dinge nicht nur schwarz oder weiß sind, sondern dass es viele Zwischentöne gibt. Verstehen heißt in der Praxis immer auch zu differenzieren. Das gilt auch für die eigenen Empfindungen und Motive: Heimatgefühl und leiden unter der Enge, Angriffslust und Rückzug, angezogen und abgestoßen, liebevoll und hasserfüllt, gut und böse, Selbstbehauptung und für andere da sein, gutes Wollen und schlechtes Tun wohnen oft genug Tür an Tür. Unschärfen und Uneindeutigkeiten zu erkennen, bei sich und bei anderen, sie auszuhalten und zu akzeptieren ist nicht selbstverständlich. Weil solche Erlebnisse uns verunsichern, gehen wir ihnen normalerweise aus dem
Weg. Viele Lebensimpulse zielen darauf, Ambivalenzen schnellstmöglich auszuschalten und Eindeutigkeit herzustellen. Hier bietet das nachberufliche Leben eine große Chance. Vieles muss nicht mehr so schnell entschieden und bewertet werden. Ambivalenzen kann man jetzt nicht nur besser aushalten, sondern auch als Fingerzeig auf einen Grundzug des Lebens verstehen, dass für uns nämlich vieles bei sorgfältiger Betrachtung nicht immer glasklar, glatt und eindeutig ist, und dass dies einen bestimmten Sinn hat. Besonders im Alter gilt: Realismus braucht reflektierte Ambivalenz. Sie verrät uns viel über die Welt, über andere und über unsere eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Sie kann eine Mahnung zur Vorsicht und zur Behutsamkeit sein.


Im Übrigen wird auch die eigene Humorkompetenz durch Ambivalenzeinsichten deutlich gestärkt, denn wahrer Humor lebt immer im Dazwischen. Das Eindeutige ist dagegen oft nur platt und meistens überhaupt nicht witzig.


Und selbstverständlich ist das gute Leben after work noch lange nicht vorbei. Auch bei sinkender Lebenskraft gibt es noch viel zu freuen. Allerdings muss man dafür manchmal mehr tun als früher, beispielsweise als in der Kindheit. Manches wird beschwerlicher, manches geht auch gar nicht mehr. Das ändert aber nichts an der grundsätzlichen Möglichkeit zum guten Leben. „Alles hat seine Zeit“ heißt auch, dass das gute Leben seine Farbe und seine Schönheit je nach Lebenslage und Lebensalter verändert.

Abgerundet werden die hier beschriebenen Haltungslemente deswegen durch eine bewusst
lebensbejahende Heiterkeit, die paradoxerweise oft erst aus der Einsicht und der Akzeptanz der Unabänderlichkeit der Dinge und der eigenen Grenzen erwächst. Das Gegenteil von Heiterkeit ist es, in resignativer Erstarrung nur noch die negativen Seiten des Lebens wahrzunehmen oder ihm den eigenen Willen aufzwingen zu wollen. Das Leiden an der Schlechtheit der Welt, Machtphantasien über ihre Reparatur und moralische Überhöhung auf der einen Seite und lebensbejahende Heiterkeit auf der anderen Seite passen nicht zusammen. Heiterkeit wächst eher da, wo wir das Leben annehmen können, so wie es uns entgegenkommt, ohne an den immer irgendwie vorhandenen Unzulänglichkeiten allzu sehr zu leiden. Den heiteren Frieden mit der Welt – und mit sich selbst – zu machen, ist keine einfache Sache. Diese innere Haltung verlangt viel von uns, und dazu kann man sich letztlich nur selbst erziehen.


III.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass wir eines Tages ganz loslassen müssen. Ein weiteres Haltungselement könnte deswegen darin bestehen, den Gedanken der eigenen Endlichkeit zuzulassen, und zwar nicht als abstrakte Einsicht, die nicht weiter weh tut, weil ja sowieso alles irgendwie endlich ist, sondern als ganz konkrete, mich persönlich betreffende Größe. „Ich trete in die letzte große Phase meines Lebens ein.“ Das ist das Gegenteil von Verdrängung und verändert den inneren Blick. Begriffe
wie Akzeptanz und Annahme, Verstehen und Verständnis, Geschehenlassen, Nachdenklichkeit, manchmal auch Distanz und Loslassen stecken den groben Rahmen dieser Blick- oder besser „Fühl-Richtung“ ab. Dadurch verschiebt sich die „Tonlage“ der Freude. Wer sich mit der Tatsache der eigenen Sterblichkeit beizeiten anfreundet, tut sich leichter, eigene Grenzen zu akzeptieren. Das bietet schließlich auch die Chance, sich dem großen Loslassen behutsam anzunähern.


Die letzte große Lebensphase kann man gewiss nicht mit einer einheitlichen Formel erfassen. Dafür sind die Menschen zu unterschiedlich, und dafür passiert noch zu viel auf dieser manchmal sehr langen Strecke. Neue Aufgaben, Herausforderungen und Prioritäten sorgen für Veränderung, und klar ist, dass sich das Leben mit 65 anders anfühlt als mit 75 oder 85 Jahren. Aber in jeder dieser Zeitzonen gibt es Möglichkeiten des gelingenden Lebens. Das gilt selbst noch ganz zum Schluss. Und gerade als Ältere sollten wir darauf achten, uns gegenseitig viel mehr Geschichten des Gelingens zu erzählen.


Mit aller Vorsicht kann man vielleicht sagen, dass es after work um eine stärker hinhörende, hinschauende und beschützende Lebenshaltung geht, und damit vielleicht sogar um ein Gelingen, das sich mit Begriffen wie Verstehen, der Öffnung für sich selbst und für andere, Verbundenheit und Resonanz, Heiterkeit und Dankbarkeit umschreiben lässt.

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